dpa, 26.11.2013


„Blinder Fisch“: Thiel und Wilsberg bekommen endlich Konkurrenz


Es ist April und tiefe Nacht in Münster: Durch den Regen macht sich der renommierte Chemie-Professor Paul Lenze auf den Heimweg. Heute dauert es etwas länger, denn Lenze ist betrunken, volltrunken: 3,5 Promille sind sein Begleiter, ideale Voraussetzungen für seinen Mörder.


Man kann sich fragen, ob in Münster und in Westfalen noch Platz ist für einen weiteren Kommissar, neben Frank Thiel und Professor Boerne und Georg Wilsberg und dem guten Dutzend weiterer Ermittler zwischen Bielefeld und Billerbeck. Nach der Begegnung mit Thomas Reverings Kriminalhauptkommissar Nikolaus Rothenburg heißt die Antwort uneingeschränkt: ja.


Das Bild, das sich Hauptkommissar Nikolaus Rothenburg am Morgen am Tatort bietet ist ebenso mysteriös wie abschreckend: Dem Opfer sind beide Augen ausgestochen worden, fein säuberlich hat der Mörder sie auf ein Kopfkissen neben die Leiche platziert. Der Mörder hat dem Team um Rothenburg eine Botschaft hinterlassen. Ein Symbol? - Ja sicher, aber für was?


Mit seinem Debütroman «Blinder Fisch» legt Thomas Revering einen spannenden Münsterkrimi vor. Und wie es sich für einen Münsterkrimi gehört, spart Revering auch nicht mit Lokalkolorit: Die Promenade, der Friesenring, der Wienburgpark, Mauritz, Kreuzviertel, die Finkenstraße, die Uniklinik - der Autor hat in Münster studiert und kennt sich dort bestens aus. Eine Szene spielt in Telgte, seiner Heimatstadt: Münsterfans und Westfalenliebhaber fühlen sich schnell zu Haus in «Blinder Fisch».


Doch ist Münster nicht nur die attraktive Westfalenmetropole mit den gewohnt hohen Umfragewerten für Wohn- und Lebensqualität. Münster ist auch Universitätsstadt, rund 50 000 Studierende zeigen sich dieses Semester im Stadtbild. Und so spielt Hauptkommissar Rothenburg erster Fall im Universitätsmilieu: Es geht um akademische Karrieren und um kriminelle Akademiker und darum, wie sich beides miteinander vermischt und es geht um: Rache, ein Mordmotiv, zunächst.


Der herausgebende emons:-Verlag ist - neben der bekannten Reiseführer-Reihe «111 Orte in ... die man gesehen haben muss» - auf Regional- und Lokalkrimis spezialisiert. Auf dem Cover von «Blinder Fisch» wirbt dann auch der Untertitel «Westfalen Krimi» für das Buch. Und doch geht es Thomas Revering um mehr, als nur darum einen weiteren Ermittler auf westfälische Pättkestour zu schicken.


Der Kommissar kauft Käse zum Frühstück, zwar im Münsteraner Traditionsgeschäft, aber nicht aus Westfalen, sondern korsischen Schafskäse oder spanischen Manchego und bekommt dabei handfeste Lebenshilfe von der Verkäuferin. Handfeste Hilfe bei den Ermittlungen erhält Rothenburg aus dem europäischen Norden, von Erin und Jodie aus Schottland: Mittels Internet bringen sie Licht in das Geheimnis der Morde, das zurückreicht bis zu Verbrechen in den afrikanischen Kolonien des deutschen Kaiserreiches kurz vor dem 1. Weltkrieg, ein Geheimnis, das in Togo 1914 seinen Anfang nahm.


«Blinder Fisch» schafft damit den Sprung vom bloßen Regionalkrimi, von der reinen Selbstschau vermeintlich westfälischer Befindlichkeiten und erzählt ganz nebenbei eine zweite, fast vergessene Geschichte um medizinische Experimente deutscher Kolonialärzte an Einheimischen. Revering, der über das Thema seine Abschlussarbeit im Fach Neuere Geschichte geschrieben hat, hebt so die «nur» moralische Frage von Gut und Böse zusätzlich auf eine allgemein ethische Ebene, doch ohne akademisch zu werden und ohne dabei den Bezug zum Krimi und dessen Geschichte zu verlieren.


«Das Vorletzte, was Heinrich von Rathen in seinem Leben sah, waren vier merkwürdig verzerrte Gesichter. Das Letzte war ein großes, dunkles Loch, das sich schwer um seinen Kopf legte. Und dann war Stille.»

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© Thomas Revering